ALLES BRAHMS!

Das gemeinsame Festival von Nikolaisaal und Kammerakademie Potsdam

 

Seine 1. Sinfonie, die er erst im Alter von 43 Jahren schrieb, wurde als „die Zehnte“ gefeiert – als das erste bedeutende Werk nach den neun Sinfonien Beethovens. Der gebürtige Hamburger und Wahl-Wiener Johannes Brahms (1833–1897) war alles andere als ein musikalischer Senkrechtstarter, vielmehr ein genialer Zweifler und Zauderer, der sich sein Handwerkszeug weitgehend autodidaktisch angeeignet hatte. Die Kompositionen des notorischen Einzelgängers, dessen Lebensmotto „frei, aber einsam“ wohl nicht ganz freiwillig gewählt war, bilden heute den Inbegriff des Romantischen.

Gründe, die Musik von Brahms zu lieben, gibt es wahrlich viele. Mit diesem kleinen, feinen Brahms-Festival an vier Tagen im März dürften noch ein paar hinzukommen: Neben der Aufführung aller vier Sinfonien durch die Kammerakademie Potsdam unter Leitung ihres Chefdirigenten Antonello Manacorda stehen eine öffentliche Orchesterprobe für Schüler und Erwachsene, erlesene Kammermusik und ein Themenabend rund um das berühmte romantische Beziehungsdreieck Brahms, Clara und Robert Schumann auf dem Programm.

Aber auch mit ungewohnten Perspektiven auf einen hehren Klassiker will das Festival überraschen: Etwa wenn das STEGREIF.orchester den Begriff der Freiheit für eine kühne Raum-Klang-Performance ganz neu definiert oder die Musik von Brahms im frischen jazzigen Kontext erklingt.

„Es geht mir bei Brahms um eine bestimmte Klangvorstellung: kein unrhetorisch tiefer und voller Klang des Orchesters, sondern ein Klang, der aus einem kammermusikalischen Verstehen der Musik kommt. Selbst die größten Sinfonien stammen vom Kleinen, deswegen ist es für ein großes Orchester so schwer, Haydn oder Mozart zu spielen. Sie sind gewöhnt, groß zu spielen und haben häufig wenig Ahnung von der Struktur. Aber wenn man es umdreht, die große Sinfonie als kleines Quartett sieht, sozusagen vom Kleinen zum Großen, dann wird es spannend. Bei uns kommt ein klangliches Markenzeichen dazu: eine charakteristische Mischung aus modernen Streichern mit älterem, besonderem Blech wie Deutschen Posaunen und historischen Trompeten. Die vier Sinfonien von Brahms nehmen viel von vorher auf: Die erste Sinfonie ist so beethovenianisch, die zweite klingt nach Schubert und die vierte mit ihrer Passacaglia erinnert an Bach beziehungsweise Mendelssohn. Sie sind die Summe von allem, was wir bisher gemacht haben.“ (Antonello Manacorda)