Übergänge – Das Saisonthema

Musik ist die flüchtigste aller Künste

Kaum erklungen, ist sie schon wieder verflogen und klingt nur noch in unserer Erinnerung nach. Das stete Ticken der Uhr schreibt der Musik eine immanente Vergänglichkeit ein, eine kontinuierliche Veränderung. Eine musikalische Keimzelle – ein Motiv, eine Phrase, ein Thema – lässt sich nicht vollkommen gleich wiederholen, da die Wiederholung schlichtweg zeitlich später stattfindet als das Original, und die Welt, der Zuhörer, alles sich um jenen Moment weitergedreht hat.

Genau diesem Wesen von Musik nachzuspüren und an bestimmten Werken, Gattungen, Komponisten und Stilen festzumachen, ist die Leitidee des Saisonthemas 2018/19, Übergänge. Übergänge können ganz unterschiedlich sein: langsam, nahezu unmerklich bis rasend schnell, revolutionär, auf einzelne Errungenschaften beschränkt oder gleich eine neue Epoche einläutend.

So etwa der Übergang von der Klassik in die Romantik: Stellvertretend für diesen tiefgreifenden Epochenwechsel steht die kontinuierliche Auseinandersetzung der KAP mit Franz Schubert, der die Saison mit einem Paukenschlag eröffnet (24. August 2018): Schuberts Sinfonie Nr. 8 trägt nicht zufällig den Beinamen „Die Große“, sprengt das Werk doch die Dimensionen einer klassischen Sinfonie – nicht nur durch ihre zeitliche Ausdehnung, sondern auch ihren Ausdrucksgehalt, die romantische Emotion betreffend. Ausgewählte Werke von Schubert ziehen sich durch den weiteren Saisonverlauf: die 6. Sinfonie (9. Februar 2019) und das existenzielle Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ (12. Mai 2019) sowie Luciano Berios „Rendering“, eine kongeniale Rekonstruktion der unvollendet gebliebenen 10. Sinfonie (15. Juni 2019).

Ein weiterer Komponist, der genau diesen Epochenschritt markiert, ist Ludwig van Beethoven. Sein Verdienst ist das Ausweiten der klassischen Form bis zu deren förmlicher Explosion und dem kühnen Mut, gänzlich Neues zu wagen. Zwei Werke sollen hierfür beispielhaft stehen: die „Große Fuge“, ein in Töne gegossener Januskopf zwischen sachlicher Formstrenge und höchster emotionaler Emphase (15. Juni 2019), und die Missa solemnis. Sie steht als meisterhafter Solitär zwischen Kirche und Konzertsaal, Religion und Mensch, Ekstase und Ruhe – ein Werk des Übergangs in jeder Hinsicht (6 & 7. Oktober 2018).

Felix Mendelssohn Bartholdy ist ein Komponist der Romantik. Durch den starken Rückbezug auf Errungenschaften des Barock und der Klassik weist seine Musik einerseits zurück, gleichzeitig durch die starke Verbindung mit der Ideenwelt und Musiksprache der Romantik voraus. Dies ist insbesondere hör- und erfahrbar in seinem Streichoktett (14. Oktober 2018), seiner leichten „Italienischen“ Sinfonie (3. November 2018) und den Streichersinfonien, die Jörg Widmann in einem beziehungsreichen Programm mit der barocken Fuge in Verbindung setzt (7. April 2019).

Ein weiterer Komponist des Übergangs, der eng mit Potsdam verbunden ist, ist Carl Philipp Emanuel Bach. Der von ihm geprägte empfindsame Stil markiert den Übergang vom Barock zur Klassik durch das Betonen von Gefühlen und einer natürlichen Einfachheit. Idealtypisch mag das Cellokonzert in A-Dur gelten, das unserem Artist in Residence Steven Isserlis auf den Leib geschrieben zu sein scheint (21. Oktober 2018).

Knapp 200 Jahre später läutet Arnold Schönberg ein neues musikalisches Zeitalter ein: die Atonalität. Seine Kammersinfonie Nr. 1 bahnt den Weg zu diesem einschneidenden Umbruch (8. Dezember 2018).

Im Epizentrum der Saison 2018/19 steht Johannes Brahms. Seine Sinfonien sind die Summe seiner Vorläufer und gleichzeitig unverwechselbarer Ausdruck der Zeit, in der sie stehen. Sie sind Endpunkt einer Entwicklung, aber gleichsam auch Anfang einer neuen. Die Aufführung der Sinfonien-Tetralogie durch die KAP unter der Leitung von Chefdirigent Antonello Manacorda wird ergänzt durch ein vielfältiges Programm rund um den Menschen und den Komponisten Brahms (28.–31. März 2019).

Entwicklungen und Übergänge lassen sich auch an der Weiterentwicklung der Instrumente ablesen, etwa bei der Trompete: Während in der Barockzeit „nur“ die Oberton-Reihen der Naturtrompeten erklangen, konnte sich die Klassik bereits der Klappentrompete bedienen, die als Vorläufer schließlich zur modernen Trompete führte. Die intensive Auseinandersetzung der KAP mit den Errungenschaften und neuen Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis ist in vielen Programmen hörbar, etwa im Wechsel verschiedener Instrumente je nach Stil, Zeit und Gattung.

Auch musikalische Formen entwickeln sich kontinuierlich weiter. Zudem ist die Variation ein Ausdruck der permanenten Wandlungsfähigkeit von Musik. Viele Variationswerke durchziehen die Saison, so etwa die Gemeinschaftskomposition „Variations on an Elizabethan Theme“ (10. März 2019).

Schließlich gibt es in der Saison 2018/19 zahlreiche Übergänge zwischen den verschiedenen Rollen der Interpreten: Solist und Leitung, Sänger und Dirigent, Konzertmeister oder Stimmführer und Solist – hier sind viele Kombinationen möglich und historisch verbürgt. Musikalisches Multitasking.