ICH I WIR – Das Saisonthema

Musik ist eine der wenigen Arten der Kommunikation, die auch gelingt, wenn mehrere gleichzeitig „sprechen“.

Aus einem Ensemble von zwei bis zu tausend Musikern kann eine Einheit mit einem gemeinsamen Klang und der gebündelten Energie aller Mitwirkenden werden. Dafür muss jeder Einzelne beharrlich an sich arbeiten – und sich dann in den Dienst des großen Ganzen stellen. So ergibt sich ein beständiges Wechselspiel zwischen Individuum und Gruppe, zwischen ICH|WIR, dem die Programme der Saison 2019/20 nachspüren: Wie sehr steht das Individuum, die einzelne KAP-Musikerin oder der einzelne KAP-Musiker im Vordergrund, wie sehr verschmelzen die Bestandteile zu einem einheitlichen Ganzen – und ist dann, nach Aristoteles, das Ganze mehr als bloß die Summe seiner Bestandteile?

Offen zutage tritt dieses Spannungsverhältnis beim Solokonzert der Barockzeit. In den Solopassagen bietet sich dem Solisten die Möglichkeit, individuell zu brillieren, während er in den Tuttipassagen zurücktritt und lediglich als eine Stimme unter vielen fungiert. Nicht zuletzt der italienische Großmeister des Solokonzerts Antonio Vivaldi spielte virtuos mit diesen Beziehungen (31. Oktober 2019). Das Spielen ohne Dirigent pflegt die KAP seit Anbeginn. Es stellt besondere Herausforderungen an die Mitspielenden: Wie bei einer kleineren Kammermusikformation sind die volle Aufmerksamkeit und ein hohes Verantwortungsbewusstsein eines jeden Einzelnen gefragt. Der Artist in Residence Antoine Tamestit wird mit der KAP unter anderem seine Orchesterfassung des Streichquintetts von Johannes Brahms auf diese Weise erarbeiten (25. April 2020).

Individualisten, die zu der sie umgebenden Gemeinschaft in einem ambivalenten Verhältnis standen, gab es insbesondere unter den Komponisten. Ein Paradebeispiel ist der wahrscheinlich berühmteste Jubilar des Jahres 2020, Ludwig van Beethoven. Seine Taubheit erschwerte ihm die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, sein einerseits als brillant, andererseits als bizarr wahrgenommenes OEuvre machte ihn zu einem gleichermaßen verehrten wie gefürchteten Zeitgenossen. Sein drittes Klavierkonzert, das als eines der ersten „sinfonischen“ Klavierkonzerte die traditionellen Rollen von Solist und Orchester abschaffte, wird der erfolgreichen Es-Dur-Sinfonie seines großen Konkurrenten Anton Eberl gegenübergestellt (14. März 2020).

Als Freiberufler stehen die Musiker der KAP in einer langen Tradition, die niemand Geringeren als Wolfgang Amadeus Mozart zum Urvater hat. Seitdem dieser 1781 mit einem Fußtritt aus den Diensten des Erzbischofs Colloredo entlassen wurde und in Wien den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, sind viele Komponisten, Instrumentalisten und Sänger seinem Beispiel gefolgt. Mozarts Schaffen beleuchtet die KAP mit seinen letzten Instrumentalkonzerten für die Violine (11. Januar 2020) und das Klavier (17. Januar 2020), einem Konzert anlässlich Mozarts Geburtstag (26. Januar 2020) sowie der Aufnahme und Aufführung seiner drei letzten Sinfonien mit Chefdirigent Antonello Manacorda im Pierre Boulez Saal Berlin (9. und 10. Mai 2020).

Kurz nachdem Sigmund Freud durch die Psychoanalyse das Innenleben des Menschen ins Blickfeld gerückt hatte, beschrieben Kurt Weill und Bertolt Brecht in den „Sieben Todsünden“ eine Persönlichkeit, die sich für ihre geldgierige Verwandtschaft aufopfert, dabei an den gesellschaftlichen Verhältnissen zerbricht und sich in eine Schizophrenie rettet. Ute Lemper verkörpert kongenial diese zwischen ICH und WIR zerrissene Figur (19. Oktober 2019). Quasi leitmotivisch könnte das Saisonthema über dem Schaffen von Alfred Schnittke stehen. Radikale Neuerungen seiner eigenen musikalischen Sprache – ICH – treffen in seinem Werk auf Fragmente und Zitate sämtlicher musikalischer Gattungen – WIR – und vereinen das Unvereinbare mithilfe der sogenannten „Polystilistik“. Anlässlich seines 85. Geburtstags widmet die KAP dem richtungsweisenden russisch-deutschen Komponisten ein Porträt (9. und 10. November 2019).

Mit zwei außergewöhnlichen Kooperationsprojekten stellt sich die KAP darüber hinaus aktuellen gesellschaftlichen Fragen unserer Tage: Gemeinsam mit dem Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS Potsdam) stellen sich Schüler, Musiker und Wissenschaftler ausgehend von Ludwig van Beethovens „Pastorale“ und der Globalen Nachhaltigkeitsagenda der UN nicht nur die Frage „In welcher Welt wollen wir leben?“, sondern vor allem die Frage „In welcher Welt können wir alle leben?“ (Weltumwelttag, 5. Juni 2020). Daneben bringt die KAP bei einem Gesprächskonzert in der Gedenkstätte Lindenstraße fünf Auftragswerke von jungen Komponisten zu Gehör, die den Erinnerungen ehemals politisch Inhaftierter des Gefängnisses eine musikalische Sprache verleihen (27. Juni 2019).