Jörg Widmann

Artist in Residence

Jörg WidmanFür viele ist er eine Ausnahmeerscheinung, er selbst empfindet es als das Natürlichste der Welt: Jörg Widmann versteht seine drei Berufe – Komponist, Klarinettist, Dirigent – nicht als etwas voneinander Unabhängiges, sondern als Schattierungen ein und derselben Musikerpersönlichkeit, die sich mal interpretierend, mal komponierend ausdrückt. Er und die Mitglieder der KAP haben sich, das wurde schon beim ersten Aufeinandertreffen vor mehr als zehn Jahren deutlich, gesucht und gefunden. Dass die KAP den faszinierenden Künstler in der Saison 2020/21, die unter dem Thema „moderne Tradition“ steht, als Artist in Residence gewinnen konnte, ist ein besonderer Glücksfall. Zu diesem Saisonthema hat er so viel Kluges zu erzählen, dass man damit ganze Bücher füllen könnte. Ein kurzer Ausschnitt sei hier abgebildet – alles Weitere gilt es unter anderem in seinem Sinfonie- und Kammerkonzert, Kleinen Sinfoniekonzert und Klaviervortrag in Potsdam zu entdecken.

„Erneuerung ist lebensnotwendig!“ – Jörg Widmann im Gespräch

Gibt es für Sie – abgesehen von einer zeitlichen Komponente – so etwas wie „alte“ und „moderne“ Musik?

Ich gehe an die Musik unserer Zeit nicht grundsätzlich anders heran als an die klassische oder romantische Musik. Natürlich sind die Stilistik, die Spezifika und die spieltechnischen Anforderungen andere, da gibt es Unterschiede. Aber wenn dann Musik gemacht wird, erlebe ich das immer wie im Moment. Gerade habe ich zum Beispiel mit einem Quartett für die Uraufführung meines neuen Streichquartetts geprobt und habe ausdrücklich gesagt: „Spielt es bitte nicht wie Neue Musik!“

In meiner Musik gibt es noch Auftakt und Downbeat, Spannung und Entspannung. Das ist auch das Grundprinzip einer Schubert-Klaviersonate und hat sich bis Alban Berg nicht grundlegend geändert. Schönberg hat darauf ebenfalls zeitlebens hingewiesen: „Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt“ war sein Selbstverständnis, die Prinzipien sind mehr oder weniger gleich geblieben. Das würde ich gerne unterschreiben.

Sie sagen, Tradition und Innovation zu verbinden, sei der Kern Ihres Schaffens. Was genau bedeutet das?

Das stellt zunächst uns Interpreten vor die Aufgabe, die Musik nie als etwas Bekanntes, Präexistierendes vorzufinden. Ich kann die Musik nicht wie ein Kleidungsstück überstülpen und dann sagen: Das ist jetzt meines. Oder dem Publikum zu verstehen geben: „Sie kennen das Stück, ich kenne das Stück, und los geht’s.“ Nein! Musik muss immer etwas Beseeltes sein. Gerade wenn man etwas scheinbar kennt, kann man noch so viel Neues entdecken. Ich bin da wie ein Kind, mit einer großen Neugierde, auch beim Komponieren. Das war schon immer so, dass ich zum Beispiel meine Schwester gefragt habe, was passiert, wenn man die Geige auf den Kopf stellt und dann mit Druck diese oder jene Bewegung macht – und so findet man, selbst wenn mich meine Schwester zuerst immer für verrückt erklärt hat, immer wieder etwas Neues. Aber das war doch schon bei Mozart und Beethoven der Fall, die waren so experimentell! Diese Stücke lassen sich nicht einfach so „wegspielen“, die haben damals auch nicht gesagt: Es muss nur der ultimative Schönklang aus den vier Saiten oder dem Blasinstrument herauskommen!

Spätestens seit Beethovens Zeit ist in der Musikkritik zu beobachten, dass die Kritiker immer vernichtender und harscher urteilten, oft wurde der Vorwurf geäußert, dass die Musik unverständlich sei. Glauben Sie, dass wir heute offener sind als zu Beethovens Zeiten?

Zumindest die Musikkritik ist in Teilen genauso ideologisch wie zu Beethovens Zeit. Es hängt mit der Forderung zusammen, sie möge einordnen. Dabei muss man doch nicht am nächsten Tag schon schreiben: „Meisterwerk“ oder „Das Allerletzte“ – meistens ist es ohnehin etwas dazwischen. Ich würde mir Musikkritik wünschen wie bei Schumann: kompetent, mit Liebe dem Gegenstand gegenüber, mit Respekt auch für Konkurrenten. Wie Schumann bei Berlioz auf das Genie und das Neuartige verweist, ist für mein Verständnis von Musikkritik zentral. Manchmal haben wir für das Neue schlicht noch keine Maßstäbe, wir können einen neuen Komponisten nicht mehr mit morsch gewordenen Kriterien messen, wie wir eine Bach-Fuge bemessen haben.

Was das Publikum angeht, habe ich alles erlebt: von krasser Ablehnung und Buh-Stürmen, Kämpfen pro und contra bis hin zu einem komplett begeisterten Saal. Als Künstler kann ich aber nicht so stark danach fragen, ich kann nur das machen, woran ich glaube. Und da gilt für mich der Satz von Beethoven für alle Zeiten: „Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehen“. Das wünsche ich mir auch.

Haben Sie das Gefühl, dass wir häufig gar nicht richtig zuhören, sondern direkt etikettieren und in Schubladen stecken wollen: Wo gehört etwas hin, ist es gut oder nicht gut?

Sehr stark. Wenn ich mal ein tonales Stück schreibe, dann gehen alle davon aus, dass das in den nächsten Jahren wohl auch so sein wird. Dann kommt wieder etwas, mit dem man nicht hineinpasst … Als Künstler will man doch gar nicht hineinpassen, und die Künstler, die ich verehre – Miles Davis, Strawinsky, Schönberg, Picasso zum Beispiel – sind alles Leute, die sich immer gehäutet haben. Mich stört nichts mehr, als wenn jemand ein Leben lang immer dasselbe macht und irgendwann nennt es die Umwelt „Stil“. Die Erneuerung ist für mich lebensnotwendig, wenn auch manchmal ein schmerzhafter Prozess.

Texte können veralten, auch in der Musikgeschichte wurden Moden immer wieder abgelöst, etwas Neues erschaffen oder weiterentwickelt – wobei zu fragen wäre, ob es tatsächlich immer eine „Weiterentwicklung“ ist. Zunächst aber die Frage: Kann Musik veralten?

Es gibt Musik, die Patina ansetzt, wo wir sagen, dass man das damals so gemacht hat und es heute für uns nicht mehr relevant ist. Gleichzeitig gibt es aus denselben Jahren Werke, die stilistisch ähnlich sind, uns aber zeitlos erscheinen. Das sind natürlich nur die allergrößten Kompositionen. Wichtiger ist aber tatsächlich der Aspekt der Linearität. Ich will gar nicht, dass es diese Linearität gibt! Diese Stammbäume – am Anfang war Monteverdi und dann Bach und so weiter – sind zwar ein schönes Bild, aber schon die Annahme, es gäbe einen Hauptstrom, bei dem eine Stufe stets von der nächsthöheren Stufe abgelöst wird, war mir immer ein bisschen fremd. Schubert zum Beispiel, was war der für ein Sonderfall! Oder Brahms soll direkt zu Schönberg führen, Schönberg dann zu Webern und über die französische Avantgarde direkt zu Boulez. Da ist viel Wahres dran, aber: Was mache ich mit einem Komponisten wie Poulenc? Der 1962 eine Klarinettensonate schreibt, über die man sicher sagen kann, dass sie rückwärtsgewandt ist, aber sie ist so originell, von so viel Schönheit, dass ich sie überhaupt nicht gegen die Boulez’schen Stücke ausspielen möchte. Ist doch schön, dass es beides gibt!

Gibt es ein Rezept, mehr Lust auf neue Musik zu wecken?

Meine spontane Antwort ist, ganz naiv: gute Musik. Es ist nicht jede Sinfonie von den Mozart-Zeitgenossen auf dem gleichen schwindelerregenden Niveau wie der Schluss der Jupiter-Sinfonie. Es gab damals uninspirierte Stücke, und die gibt es auch heute noch. Vielleicht gehört sogar ein Großteil der Werke nicht zu den Meisterwerken, die unsere Konzertsäle bevölkern. Dagegen, dass die gespielt werden, ist gar nichts zu sagen, solange der Satz gilt, der Mahler zugeschrieben wird: „Tradition ist das Weitertragen des Feuers, nicht die Anbetung der Asche“.

Wie könnte eine Musik der Zukunft Ihrer Meinung nach aussehen?

Leider muss ich auf diese zukunftsweisende Frage wieder einen Satz aus der Vergangenheit zitieren, von Ferruccio Busoni: „Frei ist die Tonkunst geboren und frei zu werden ihre Bestimmung“. Das wirkt in unserer Zeit etwas wohlfeil dahingesagt, wo die Auswahl an verfügbarer Musik so ungeheuerlich ist, dass sich für mich als Komponist eher die Frage stellt: Was lasse ich draußen, auf was konzentriere ich mich? Aber dieser Punkt der Freiheit ist für mich ein Punkt der Offenheit. Ich muss nicht alles lieben, aber ich finde es wichtig, selbst etwas, was ich ablehne, gelten zu lassen und mit Respekt zu behandeln. Mein früherer Lehrer Hans Werner Henze wurde einmal gefragt: „Wo stehen wir heute?“, und er antwortete: „Jeder woanders“. Das stimmte in den 1980er Jahren schon und gilt heute umso mehr.

Biografie Jörg Widmann

Biografie als PDF

Konzerte mit Jörg Widmann und seinen Kompositionen

Sa, 17.10.2020, 19.30 Uhr
Sinfoniekonzert Con Brio

Sa, 13.02.2021, 19.30 Uhr
Sinfoniekonzert Variationen

Fr, 23.04.2021, 19.00 Uhr
Klaviervortrag „Schöne Stellen“

Sa, 24.04.2021, 19.00 Uhr
Musikalischer Salon Persönlich