Potsdamer Winteroper 2020

Handlung und Hintergrund

Die tragische Geschichte der Römerin Lucretia steht wie kaum eine andere für die Selbstbestimmtheit einer erniedrigten Frau und rückt die Macht der Einzelnen gegenüber der Gesellschaft in den Fokus. Benjamin Britten, der bedeutendste englische Komponist des 20. Jahrhunderts, hat den antiken Stoff 1946 in Form einer Kammeroper vertont und ihm einen emotional berührenden Zugang verliehen.

Die Handlung fällt in die Zeit der Belagerung Roms durch den tyrannischen Etruskerkönig Tarquinius Superbus um 500 vor Christus. Lucretia, die Ehefrau des Generals Collatinus, gilt als Muster makelloser Treue und Tugend und passt damit ganz und gar nicht in das von Ausschweifungen und Hurerei geprägte Rom der Zeit. Lucretias reines Wesen ist eine einzige Provokation für die verrohte und sittenlose Gesellschaft, zu der auch der Prinz Tarquinius gehört, Sohn des Tyrannenkönigs.

Bei einem Trinkgelage fasst er den Beschluss, Lucretias Treue zu erproben. In ihrem eigenen Haus bricht er mit Gewalt ihre Unschuld. Während sich Lucretia gegen ihre Schändung nicht wehren konnte, wird sie am Morgen danach ihrem Ehemann davon berichten. Obwohl sie von ihm Trost erfährt, kann sie mit dem Trauma der Erniedrigung und Schande nicht weiterleben. Als einziger Ausweg erscheint ihr der Selbstmord. Ihr Suizid ist der Beginn des römischen Aufbegehrens gegen die verhasste Tyrannenherrschaft der Etrusker. Der angefachte Bürgerkrieg mündet in der Beendigung der Monarchie und dem Entstehen der Republik – Lucretias Name ist ihrem Gründungsmythos verewigt.

Das Drama um die Schändung der Lucretia gehört seit der Renaissance zu den faszinierendsten Motiven künstlerischer Auseinandersetzung in der Malerei, Dichtung und Musik. Britten nimmt in seiner zweiaktigen Kammeroper Bezug auf barocke Stilelemente Henry Purcells, die er mit neuen dramatischen Effekten verschmilzt. Seine melodischen Motive verleihen den Szenen eindringliche Subjektivität und den Rollen psychologische Tiefe. Mit acht Gesangssolisten sowie dem kammermusikalischen Orchester entstand ein expressives und spannungsvolles Meisterwerk. Ein Erzähler und eine Erzählerin repräsentieren den antiken Chor und führen, ähnlich der Bach’schen Evangelisten, in die Handlung ein, die sie von einem christlichen Standpunkt aus kommentieren. Lucretias Tod erscheint bei ihm gleichsam als aufwühlendes Zeugnis wie auch als stille Mahnung.

Artemisia Gentileschi: Tarquinius und Lukretia

Artemisia Gentileschi: Tarquinius und Lukretia / Stiftung Preußische Schlösser und Gärten / Fotograf: Wolfgang Pfauder

Eine besondere Verbindung des Lucretia-Topos‘ stellt die Potsdamer Winteroper 2020 auch mit ihrem Aufführungsort her – dem Schlosstheater im Neuen Palais. Friedrich der Große erwarb das Gemälde „Lukretia und Sextus Tarquinius“ der Barockmalerin Artemisia Gentileschi (1593–1654) für sein Schloss und wies ihm einen prominenten Platz zu. Zur Warnung vor unsittlichem Verhalten des Kronprinzen ließ er es vor dessen Tür hängen. Das Gemälde befindet sich heute im Besitz der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und liefert der Potsdamer Winteroper 2020 zusätzliche kunstgeschichtliche Berührungspunkte, die in unserem thematischen Begleitprogramm in den Fokus gerückt werden.